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Die
Dialektik der Transluzenz
von Stephen Wright
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Die Transparenz steht heutzutage hoch im Kurs. Als zugrundeliegendes
Prinzip für gutes Regieren, Gesetzesregel und Freiheit des
Ausdrucks genießt die Transparenz den Status eines selbstverständlichen
Wertes. Wer würde letztlich eine Idee anfechten, die praktisch
gleichbedeutend scheint mit Begriffen wie Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit?
Die politische Rhetorik ist voll des Lobes für die Transparenz
- zurecht, denn war es nicht letztlich Glasnost, diese besondere
sowjetische Spielart der Transparenz, die der Undurchsichtigkeit
der anhaltenden stalinistischen Düsternis ein Ende bereitet
hat? Und wo die Transparenz hoch geschätzt wird, wird die Opazität
gering geachtet. Sowohl im privaten wie im öffentlichen Bereich
klingt Opazität wie ein Synonym für Täuschung, Betrug
und Heimlichkeit, während Transparenz mit Fair Play, Offenheit
und Redlichkeit assoziiert wird - mit der Haltung des "Wir
haben nichts zu verbergen". Aber stellen Sie sich nur für
einen Moment eine Welt vollkommener Transparenz vor, eine Welt,
in der Transparenz nicht nur ein regulatives Prinzip wäre,
sondern endgültig über die Undurchsichtigkeit triumphiert
hätte; wo alle in Glashäusern lebten. So eine Welt, die
nicht mehr lange Science Fiction bleiben muß, wenn man von
der schnellen Entwicklung und dem Einsatz der Überwachungstechnologien
ausgeht, würde buchstäblich unbewohnbar sein.
Die starken fiktionalen Darstellungen dystopischer Transparenz,
wie sie vor einem halben Jahrhundert von Schriftstellern wie Orwell
und Huxley erdacht wurden, sind in vielerlei Hinsicht von dem übertroffen
worden, was manche Autoren die "biopolitische" Mentalität
unserer fortgeschrittenen demokratischen Staaten nennen. Man könnte,
grob gesprochen, diese ironische Entwicklung als die "Dialektik
der Transparenz" beschreiben: Um der Demokratie ihr Entstehen
und Gedeihen zu ermöglichen - das heißt, mit verborgenen
Privilegien, endemischer Korruption und jener Vetternwirtschaft,
die hinter einer Mauer aus Opazität gedieh, zu brechen - mußte
die Transparenz institutionalisiert werden. Als allzu wirksames
Werkzeug wurde die Transparenz zum Selbstzweck und jetzt sind wir
alle potentielle Opfer ihres Erfolges.
Gibt es nicht irgendeine Alternative zu dieser paradoxen dialektischen
Gleichheit von Transparenz und Opazität? Wie wäre es mit
dem theoretisch wenig beachteten Konzept der Transluzenz? Nicht
als Wischi-Waschi-Kompromiß zwischen zwei Polaritäten,
sondern als ein anderer Weg, sich die Beziehungen im privaten wie
öffentlichen Bereich vorzustellen. In gewisser Hinsicht steht
Transluzenz natürlich irgendwo zwischen Opazität und Transparenz,
aber auf der anderen Seite ist sie vollkommen unverbunden mit ihnen
und bietet einen gangbaren dritten Weg, um zwischen den gegensätzlichen
Geboten von Intimität und Enthüllung zu vermitteln. Transluzenz
ist im wesentlichen verschwommen, ungefähr, eine Art "holperiges
Gelände", auf dem man Fuß fassen kann, im Gegensatz
zur reinen und eisigen Glätte der Transparenz oder der verräterischen
Düsternis der Undurchsichtigkeit. Ein pragmatisches Konzept,
auf dem die Art von Abstand begründet werden kann, die konstitutiv
ist für menschliche Beziehungen.
Nun ist es so, daß Transluzenz das eigentliche Material ist,
mit dem Inge Gutbrod in den vergangenen zwei Jahrzehnten gearbeitet
hat - ungefähr also seit dem Zeitpunkt, da die Schlacht zwischen
Transparenz und Opazität zum Gemeinplatz im politischen Diskurs
wurde. Es mag unangemessen erscheinen, sich Gutbrods Werk aus einem
politisch diskursiven Blickwinkel zu nähern, angesichts ihres
im wesentlichen formalistischen Ansatzes. Jedoch scheint es mir
so, daß die Materialwahl eines Künstlers immer geschichtlich
überdeterminiert ist, und auch wenn sie nicht notwendigerweise
das Ergebnis einer bewußten Wahl ist, so ist sie doch Gegenstand
eines prä-reflektiven Wissens. Anders gesagt: In einem bestimmten
historischen Moment scheint es zu "passen" oder zu "funktionieren",
obwohl es das in einem anderen nicht täte. Ich würde wetten,
daß Inge Gutbrod, indem sie die Transluzenz zu ihrem historischen
Material macht - wenn auch indirekt, sozusagen durchscheinend -
ihr eigenes Ideal sowohl von den vermittelnden Beziehungen zwischen
Subjekt und Objekt als auch von intersubjektiven Transaktionen offenbart.
Zu behaupten, Inge Gutbrods "Material" sei die Transluzenz,
bedeutet auf keinen Fall, die offensichtliche Tatsache zu leugnen,
daß ihr hauptsächliches künstlerisches Mittel Paraffin
ist. Im materiologischen Sinn des Wortes ist Wachs tatsächlich
das "Material" ihrer Wahl - der Stoff, aus dem die Mehrzahl
ihrer Kunstwerke besteht. Natürlich ist es nun einmal so, daß
Transluzenz das hervorstechende visuelle Merkmal von Wachs ist -
zumindest in seinem festen Zustand, in dem es in Inge Gutbrods Kunstwerken
vorkommt. Aber ich möchte die Vorstellung von "Material"
auch im Adorno'schen Sinn des Begriffes verstanden wissen, der sich
auf einen historisch definierten Bereich an Bedeutungen einer bestimmten
Erscheinungsform bezieht. Indem ich das behaupte, kritisiere ich
keineswegs Hans-Peter Miksch, einen der drei Kuratoren der dreiteiligen
Ausstellung der Künstlerin, der schreibt, daß Gutbrod
aktuellen Kunstmoden wie der Gender-Problematik aus dem Weg geht.
Seine Beobachtung ist vollkommen richtig - Gutbrods Ästhetik
ist formal bestimmt, nicht thematisch begründet. Worum aber
dreht sich die Geschlechterpolitik, wenn nicht um den Kampf zur
Bestimmung der Kriterien, wer in unserer Gesellschaft die Wahrheit
definiert? Anders gesagt, eine Auseinandersetzung, die man in Begriffen
der Transparenz und Opazität beschreiben kann oder vielleicht
sogar - und zwar viel effektiver- indem man Vorstellungen von Transluzenz
anwendet. Ich glaube, daß eine derartige Intuition dem Werk
von Inge Gutbrod innewohnt.
Diese Hypothese erscheint mir umso plausibler, als viele von Gutbrods
Arbeiten über die Jahre hinweg eine dezidiert architektonische
Ausrichtung hatten: Begehbare Strukturen aus stahlgerahmten rechteckigen
Wachsblöcken oder das, was man "archi-skulpturale"
Formen nennen könnte, darunter handgemachte knollige Wachskugeln,
nur von kleinen Öffnungen durchbohrt, durch welche die Betrachter
hindurchspähen können in das diffuse Licht im Inneren.
Architektur ist natürlich die räumliche Verkörperung
intersubjektiver Beziehungen: Wie nah können wir wem kommen?
Wie weit werden wir wovon ferngehalten? Dieser Bezug zur Intersubjektivität
ist deutlicher Bestandteil von Gutbrods Ästhetik: "Meine
Arbeit hat immer sowohl eine haptische als auch eine visuelle Seite"
betont sie, "sie soll angefaßt werden und letztlich stört
es mich nicht, wenn sie dabei beschädigt wird. Transluzenz
als architektonisches Prinzip bedeutet eine Überwindung der
Transparenzbesessenheit der Hochmoderne, was letztlich einige von
Gutbrods ästhetischen Entscheidungen erklären kann. Ihre
Arbeit Baumkuchen beispielsweise, im Obergeschoß der Neumarkter
Ausstellung, besteht aus Dutzenden von Wachsringen, die bis zur
Decke empor aufeinandergetürmt sind, so eine echte Säule
in einem ansonsten säulenlosen Raum erzeugen und damit die
Aufmerksamkeit auf die Architektur des Ortes lenken. In der Fürther
Ausstellung treibt die Künstlerin das Verfahren noch einen
Schritt weiter, indem sie die Architektur des Ortes in die Form
ihres Werkes einbezieht: 200 kleine vasenähnliche Wachsobjekte
sind rings um einen Pfeiler im Ausstellungsraum angeordnet, so daß
er vollständig von ihnen umhüllt wird und zum Regal wird.
Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, das Ausmaß zu erkennen,
in dem Architektur und architekturbezogene Formen vom Unterbewußten
bestimmt sind; aber sie hat ein Licht darauf geworfen, wie wir Architektur
tatsächlich betrachten sollten - die Bedeutung weicht für
immer der Opazität des Objekts oder verschwindet umgekehrt
in der Transparenz des Signifikanten. Gutbrods durchscheinende Objekte
halten diese dialektische Spannung aufrecht, in dem Versuch, die
Architektur sich selbst zu offenbaren.
Es geschieht jedoch vor allem aus einem ganz anderen Grund, daß
ich die Transluzenz für den Schlüssel zu dem halte, was
man die vorherrschende "Gefühlsstruktur" in Inge
Gutbrods Arbeiten nennen könnte. Und das ist der kontemplative
Charakter vieler ihrer jüngsten Installationen. Es hat da eine
klare Verschiebung von ihrem Gebrauch des Wachses an sich hin zu
einer Konzentration auf die durchscheinende Farbe gegeben. Ich denke
da insbesondere an die jüngste Installation mit dem Titel Wärmestube
(2001-2006), eine rückseitig beleuchtete Komposition, bestehend
aus Dutzenden von durchscheinenden Wachs-Kacheln, die im Heidelberger
Teil der Ausstellung gezeigt wurde. Die Arbeit erzeugt einen psychedelischen
Effekt im Stil der 60er Jahre und setzt zugleich eine warme, fast
flammenartige Empfindung frei, wobei der Farb- und Transluzenz-Koeffizient
jeder einzelnen Kachel der Gesamtkomposition ihren visuellen Rhythmus
verleiht. Von weitem hat man den Eindruck einer gänzlich flachen
Oberfläche; bei näherer Betrachtung wird klar, daß
das Spiel der Transluzenz von der unterschiedlichen Stärke
jeder Kachel hervorgerufen wird, die stets in der Mitte dünner
ist.
Eben weil ihr Werk im wesentlichen formal bestimmt ist, konnte
die Transluzenz gewissermaßen nichts anderes als das Material
von Gutbrods Wahl sein. In den Worten des russischen Formalisten
Viktor Schklowski:
"Um die Empfindung des Lebens wiederzugeben, um Gegenstände
zu fühlen, um zu erfahren, daß Stein Stein ist, gibt
es das, was man Kunst nennt. Das Ziel der Kunst ist es, dem Objekt
eine Wahrnehmung als Vision zu verleihen und nicht als Wiedererkennen.
Die Methode der Kunst ist die Methode der Vereinzelung des Objekts
und die Methode, welche die Verschleierung der Form beinhaltet,
um so die Schwierigkeit und die Dauer der Wahrnehmung zu vergrößern.
Der Akt der Wahrnehmung ist in der Kunst Mittel zum Zweck und muß
verlängert werden; Kunst ist ein Mittel, das Werden des Objektes
zu erleben, was schon "geworden" ist, hat keine Bedeutung
für die Kunst."
Obwohl Gutbrods Arbeit sich vielleicht direkter mit Kontemplation
befaßt als mit der Wahrnehmung als solcher, hilft Schklowskis
ästhetische Theorie doch zu erklären, was in Gutbrods
Arbeit auf dem Spiel steht. Nach Schklowskis ist die künstlerische
Sprache eine Art von demonstrativem visuellem Dialekt, dessen Aufgabe
es ist, das Erwachen einer erneuerten Wahrnehmung auszulösen.
Der künstlerische Gebrauch eines Objektes kann geprüft
und gemessen werden nach der Fremdheit seiner Form - "schwierig,
reich an Hindernissen", stellt er fest, aber nie ganz opak-
was als ungewöhnlich wahrgenomen wird im Vergleich zu einem
gewöhnlichen Gegenstand: Die Form ist also das besondere Kennzeichen
der ästhetischen Wahrnehmung und Transparenz ihr schlimmster
Feind. Im Zentrum von Schklowskis System begegnet man dem Gegensatz
von entschiedener Wahrnehmung und Angewohnheit - ein Gegensatz,
der auch in Gutbrods Werk bestimmend ist, insbesondere in Hinblick
auf ihre Auseinandersetzung mit der Architektur des Ausstellungsraumes.
Gewohnheit ist die erschöpfte Form der Wahrnehmung, die mechanisch,
fast algebraisch geworden ist. Das Abstumpfen der Wahrnehmung führt
zur Kurzsichtigkeit in Hinblick auf das Objekt; anstatt es zu "sehen",
"erkennt" man es nur wieder, nimmt es in gewohnheitsmäßiger
Weise wahr. Im Gegensatz dazu liegt die Funktion der Kunst darin,
die Wahrnehmung des Objekts wiederzubeleben, sie der Gewohnheit
zu entreißen, um die bewußte Erfahrung wieder zum Leben
zu erwecken. Das Kunstwerk muß ein plötzliches Bewußtsein
für die Oberflächen und Formen des Objektes und der Welt
freisetzen, die wieder mit einem Teil ihrer ursprünglichen
Frische aufgeladen wird. Das Werk erreicht nur den Status der ästhetischen
Erfahrung, wenn es ihm gelingt, eine Erneuerung der Wahrnehmung
im Betrachter auszulösen; wie Schklowski fortfährt, ist
die Arbeit erfolgreich, falls und wenn sie "eine ungewöhnliche
Wahrnehmung des Objektes schafft, seine Vision und nicht sein Wiedererkennen."
Man könnte überzeugend argumentieren, daß es die
spröde Natur des Wachses ist, ebenso wie seine Transluzenz,
die man am ehesten als das Herzstück von Gutbrods Ästhetik
bezeichnen kann - eine Möglichkeit, die von der Entscheidung
der Künstlerin unterstrichen wird, das Bild zerbrochener rosafarbener
Wachsfragmente auf dem Umschlag ihres Kataloges zu verwenden. Aber
mir scheint, daß die Transluzenz selber ein zerbrechlicher
Zustand ist, immer dazu neigend, einerseits der eindringenden Opazität
zu erliegen, andererseits der Verlockung der Transparenz. Dieses
ist die Dialektik der Transluzenz und im wesentlichen von Inge Gutbrods
Arbeiten: gefangen zwischen strahlender Erkenntnis (heuristischer
Offenheit) und trüber Unklarheit (rätselhafter Abgeschlossenheit).
Stephen Wright
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