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Ursprünglich Malerin und Zeichnerin im klassischen, der zweidimensionalen
Fläche verpflichteten Sinn, tritt Gutbrod seit nunmehr mehreren
Jahren mit dreidimensionalen, wesentlich aus Wachs bzw. Paraffin
gefertigten Arbeiten an die Öffentlichkeit. Zu Beginn hatten
diese Arbeiten noch Reliefcharakter, sind aber bald vollplastische
und manchmal gar raumgreifende Gebilde geworden.
Diese vollplastischen Arbeiten sind in der Regel Hohlkörper
in zwei unterschiedlichen formalen Ausprägungen. Die einen
sind rundlichen gefäßartigen Naturformen wie Nestern
oder Fruchthülsen verwandt oder sind Paraphrasen von Vasen-
und Flaschenformen, die anderen sind rechtwinklige, an Architektur
orientierte begehbare Bauten im Innen- und Außenraum. Beide
Arten, obwohl formal und vom technisch-handwerklichen Entstehungsprozeß
her gesehen unterschiedlich - die eine Vorgehensweise, mit mittels
Wärme formbar gemachtem Paraffin, ist keramischen Aufbautechniken
ähnlich, die andere wird von der Zurichtung und Organisation
fabrikgefertigter Paraffinplatten bestimmt -, sind Spielarten desselben
Motivs: Behausungen für Wahrnehmung und Imagination. Und wie
um dieses Motiv zu umschreiben, versammelt Inge Gutbrod ihre wächsernen
GebiIde in Ausstellungen oft zu im Raum arrangierten Gruppen, gibt
ihnen gleichsam ein Zuhause unter vielen Verwandten, wo ihnen Schutz
geboten ist vor äußeren Einwirkungen wie vor der ihnen
selbst eigenen Zerbrechlichkeit.
Vor allem die jüngeren plastischen Arbeiten sind regelrecht
auf ihren Innenraum hin ausgerichtet, der durch eine Öffnung,
sei sie augengroßes Loch oder türgroße Aussparung,
eingesehen bzw. betreten werden kann und soll. Die formgebende Außenwand,
gerade so dick wie für die Stabilität nötig, ist
dabei zwar physisch jeweils deutlich präsent, in ihrer milchigen
Lichtdurchlässigkeit aber immateriell intendiert. Blickend
oder schreitend die Außen- und Innenraum bestimmende und trennende
Wand beiseite lassend, eröffnen sich schließlich unvorhergesehene
Sensationen.
So besteht Gutbrods jüngste Arbeit aus mehreren hohlen, etwa
globusgroßen Paraffinkugeln, die, jeweils zu zweien auf einem
Metallgestell liegend, als weitläufiges Ensemble im Raum konzipiert
sind. Deren eigentliches Leben offenbart sich mit dem verweilenden
Blick durch ihre Sehöffnung ins Innere. Wo man nur Dunkelheit
vermuten würde, steigen Licht und Farbe auf und ziehen uns
in einen bodenlos weit geöffneten Raum hinein. Dieser Zauber
gelingt, weil Gutbrod die Eigenschaften ihres weißlichen,
lichtdurchlässigen Materials souverän einzusetzen und
im Sinne ihrer künstlerischen Intention zu verwandeln weiß.
Dabei scheint mir, daß, immer wenn so die Materie als Licht
einfangender und Licht lenkender und aussendender Formschleier tätig
wird, Inge Gutbrod auch in ihren dreidimensionalen Arbeiten Malerin
geblieben ist.
Das Dingliche selbst tritt gewichtiger in ihren Zeichnungen und
Bildtafeln in Erscheinung. In den Zeichnungen etwa werden Gegenstandsformen
der unmittelbaren Umgebung aufgegriffen und sich zeichnend anverwandelt;
sie bilden den Anstoß für einen vielschichtigen Prozeß
bildnerischen Denkens. Ihre Machart der übereinander gelagerten
und einzeln bearbeiteten Transparentpapierschichten verweist darauf,
daß Oberfläche und äußeres Gesicht der Erscheinungen
nicht für das Ganze genommen werden können, daß
sich hinter und unter allem eine tiefreichende Geschichte verbirgt,
die es ans Licht zu bringen gilt.
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